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Interview aus der WAZ vom 30.08.2013

http://www.derwesten.de/staedte/oberhausen/wir-jaeger-sind-auch-naturschuetzer-id8376071.html

Kommentiert von W. Hupperich

"Wir Jäger sind auch Naturschützer"

Gisela Matten, Vorsitzende der Kreisjägerschaft , nimmt Stellung zur umstrittenen Centro-Jagd. Geschossen würde unter hohen Sicherheitsauflagen und nur auf Aufforderung des Managements

 

WAZ Frau Matten, wieso jagen Sie zahme Gänse und Enten im Centro-Park?
Gisela Matten Zuerst einmal: Enten und Gänse sind Wildtiere. Wir haben keine Enten, sondern Gänse geschossen . Und das auch nur, weil das Centro als Eigentümer den Jagdpächter dazu aufgefordert hat. Am Centro gab es viele Klagen, weil es dort zu viele Gänse gibt. Diese Tiere sorgen für erhebliche Schäden. Sie verkoten die Wege und die Gewässer. Im Kot sind Bakterien. Wenn man den berührt, kann das schädlich sein. Wir hatten also keine andere Möglichkeit als reduzierend einzugreifen.
Kommentar Werner Hupperich Zuerst einmal, Frau Matten, steht es jedem "Auftragskiller" frei, den Auftrag abzulehnen. Hierbei stellt sich mir die Frage, was denn wohl das Centro-Management davon zu halten wissen wird, hier im Rahmen ihrer waidmännischen Selbstbeweihräucherung als Initiator und Haupttäter dargestellt zu werden. Zweitens ist das seitens der Jägerschaft stets bemühte "zu viel" einer Population von Tieren reine Augenwischerei, solange nicht als Referenzmaßstab eine "Normalpopulation" definiert wurde. Damit tun sich selbst ausgewiesene Experten - aus gutem Grund - ausgesprochen schwer. "Grünabiturienten" sollten sich demgegenüber zu wissenschaftlichen Themenkomplexen besser nicht öffentlich einlassen. Das kann sonst zu einer höchst peinlichen Veranstaltung werden. Darüberhinaus ist in der EG-Vogelschutzrichtlinie (Art. 7 Abs. 4) festgelegt, dass Tiere nicht nur während der Nistzeit oder während der einzelnen Phasen der Brut- und Aufzuchtzeit nicht bejagt werden dürfen, sondern auch keine Alttiere, von deren Versorgung Jungvögel abhängig sind, um unnötige Leiden und Schmerzen durch Verhungern oder Erfrieren zu vermeiden. Entsprechende Vorschriften finden sich im § 22 Abs. 4 BJG und § 24 Abs. 2 LJG-NW. Auch das Das BJagdG verbietet die Bejagung in Setz- und Brutzeiten bis zum Selbstständigwerden der Jungtiere.

Ein Nachweis der seitens Frau Matten behaupteten Schäden steht nach wie vor aus, eine Verkotung von Gewässern und Wegen kann schwerlich zur Ergreifung letaler Maßnahmen gegen die Tiere hinreichen. Die im Kontext der Umsetzung der EG-Vogelschutzrichtlinie gesprochenen Urteile des EuGH sind eindeutig und unmißverständlich.

Frau Mattens Verweis auf vorgeblich gesundheitsgefährdenden Gänsekot stellt einen dreisten Täuschungsversuch der Öffentlichkeit dar. Es gibt keinen einzigen wissenschaftlich dokumentierten Fall einer durch Kontakt mit Gänsekot induzierten Humaninfektion in Europa. Der Einfachheit halber zitiere ich in diesem Zusammenhang aus Homma & Geiter (2004): Studie über freilebende Gänse an der Würm in Planegg und im Stadtgebiet München (Bestand, Wanderungen, Auswirkungen, Managementvorschläge):

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Untersuchungen von Kanadagänsen und Kanadaganskot fanden in verschiedenen Gebieten statt. Humanpathogene Erreger konnten bei den verschiedenen Untersuchungen nicht nachgewiesen werden (siehe auch Kap. 6.2.1).
Im Frühjahr des Jahres 2003 hat das Nationale Referenzlabor (NRL) für Newcastle Krankheit und Aviäre Influenza der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere (BAFV), Standort Insel Riems, im Rahmen des Forschungsprojektes „Aviäre Influenza in Wildvögeln“ begonnen, die Entnahme von Kloaken- bzw. Rachenabstrichmaterial an Wildvögeln zu untersuchen. Für diese Untersuchungen stellten wir 209 Proben zur Verfügung, wobei über 100 Proben aus Oberbayern (darunter auch 40 Proben von Würmgänsen) auf verschiedene Virusinfektionen hin untersucht wurden. Bei keiner dieser untersuchten Proben konnten aviäre Influenzaviren (unterschiedliche Subtypen wurden versucht nachzuweisen), Newcastle Krankheit, Geflügelpest oder Paramyxoviren (verschiedene Typen) nachgewiesen werden.

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Prinzipiell ist durch die stark unterschiedliche Physiologie von Vögeln und Säugern nur ein geringes Übertragungspotential verschiedener Erregern von Gänsen auf Menschen vorhanden. Bereits die um 4°C unterschiedliche Körpertemperatur ist für viele Erreger eine unüberwindliche Barriere. Die Infektionsgefahr durch Krankheitserreger in Säugerkot (Hunde) ist deutlich höher. Für Deutschland gibt es leider erst sehr wenige Untersuchungen über das Krankheitsrisiko durch Gänsekot – alle wissenschaftlichen untermauerten Untersuchungen kommen jedoch zu dem Schluß, daß kein entscheidendes Gesundheitsrisiko von Gänsekot ausgeht.
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WAZ Tierschützer sehen das anders. Wieso richten Sie keine Futterstellen weit ab vom Centro ein?
Gisela Matten Je mehr man wilde Tiere füttert, umso eher gehen sie auf Menschen zu. Gänse sind Wildtiere, die können auch durchaus mal einem Kind in den Finger beißen. Auch Eier zu entnehmen, ist keine Lösung. Die Brutstätten finden Sie kaum.
Kommentar Werner Hupperich Weder dem statistischen Bundesamt noch den Jahresberichten der klinischen Unfallambulanzen lässt sich ein einziger Fall einer Bissverletzung durch Gänse entnehmen. Auf solch einen Blödsinn, Kinder quasi als menschliche Schutzschilde zur Verteidigung der eigenen, schießfreudigen Ideologie zu verstecken, muss man überhaupt erst einmal kommen. Es gelingt alljährlich einem ganzen Reihe professioneller Avifaunisten im Übrigen ganz hervorragend, die "Brutstätten" - auch von Gänsen - zu lokalisieren und zu kartieren. Wenn Jägern das demgegenüber nicht gelingt, so wird das natürlich seine Gründe haben..
WAZ Experten sagen, die Population der Gänse würde sich festigen.
Gisela Matten Nein, ohne unser Eingreifen würde die Population wachsen.
Kommentar Werner Hupperich Wer - außer Ihnen und anderen Jagdlobbyisten - sagt das, Frau Matten? Eine wissenschaftliche Quelle anzuführen, wäre Ihrer glaubwürdigkeit überaus zuträglich..
WAZ Wie stellen Sie sicher, dass keine Gäste am Centro verletzt werden?
Gisela Matten Es gibt nicht die Centro-Jagd. Wir haben dort erstmals in diesem Jahr Gänse geschossen und zwar während der gesetzlichen Jagdzeiten. Es gab hohe Sicherheitsauflagen. Wir haben Ende Juli morgens um 4.30 Uhr gejagt, Centro-Sicherheitspersonal hat Eingänge und Ausgänge gesperrt, zusätzlich haben wir Gefahrenbereiche abgesichert. Wir haben auch nicht auf der Promenade oder auf dem Wasser gejagt, sondern in den Nebenanlagen. Unsere Jagdhunde sind speziell abgerichtet, das geschossene Wild zu holen. Da liegt nichts herum, da waren keine Blutspuren. Wir sind ausgebildete Jäger, wir ballern nicht einfach herum. Ich weiß nicht, warum wir so angegriffen werden.
Kommentar Werner Hupperich Sie werden deswegen so angegriffen, Frau Matten, weil Sie zahme Parkvögel während der Nist-, Brut- und Aufzuchtzeit zusammenschießen - und sich dabei noch frech auf einen ökologischen Nutzen solchen Schießbudentreibens berufen.
WAZ Das Centro ist ein Ausflugziel. Niemand wusste, dass dort gejagt wird.
Gisela Matten Wenn wir unsere Jagden vorab öffentlich machen, haben wir viele Zuschauer und Jagdstörer.
Kommentar Werner Hupperich Müssten Ihnen nicht alle Leute angesichts Ihres allein am Wohle von Natur und Mensch orientierten Handelns Beifall zollen? Was passt Ihnen, erstens, also an Zuschauern nicht, und zweitens, wo kommt denn das von Ihnen befürchtete "Heer von Jagdstörern" eigentlich her bzw. solche Leute dürfte es doch eigentlich gar nicht geben?
WAZ Viele unterstützen die Jagd nicht. Sie finden die Centro-Gänse sogar ganz nett.
Gisela Matten Die Bevölkerung im Allgemeinen toleriert die Jagd und sieht in ihr eine Notwendigkeit, da natürliche Feinde fehlen. Wir schießen auch nicht alle Tiere weg. Wir haben am Centro 60 Gänse gezählt und das waren nicht alle. Zehn wurden geschossen. Wir haben eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe als Jäger.
Kommentar Werner Hupperich Da ist er wieder, der "natürliche Feind". Meines Wissens werden auch keine Menschen zusammengeschossen, obwohl insbesondere diesem doch jeder "natürliche Feind" fehlt. Ich rate Frau Matten dringend zu enem Grundkurs Biologie, Schwerpunkt: "Populationsdynamische Ursachen und Faktoren". Kleiner Tipp vorab: Prädatoren kommen dort weder als Ursachen noch als (maßgebliche) Faktoren vor..
WAZ Löst die Jagd das Problem der vielen Gänse?
Gisela Matten Die Population ist reduziert und die Vögel ziehen zumindest erst einmal woanders hin. Wir jagen nun auch nicht nur. Nehmen Sie die Gans mit dem Kippflügel. Wir haben sie gefangen, nicht der Tierschutzverein.
Kommentar Werner Hupperich Mit anderen Worten: das Problem wird verlagert . Na klasse, Frau Matten. Das wir die Oberhausener Landwirte aber gewiss besonders erfreuen, wenn die hungrigen Centro-Gänse am Weizen naschen. Die Gans mit dem Kippflügel hätte auf dem Gelände ein biblisches Alter erreichen können.
WAZ Was ist mit der Gans passiert?
Gisela Matten Kranke Tiere müssen wir zum Teil töten, da sie aus Angst vor ansteckenden Krankheiten selten von Tiergehegen aufgenommen werden. Uns hat kürzlich ein Mann angerufen, der ein krankes Kaninchen am Lipperfeld gefunden hat. Wir haben uns darum gekümmert, überhaupt kümmern wir uns um viele ausgebüxte oder verunglückte Tiere, beraten, wenn jemand ein Maderproblem hat. Das machen wir ehrenamtlich. Aber wenn wir weiter so angegriffen werden, geben wir künftig nur die Telefonnummer des Tierschutzvereins weiter, sollen die sich kümmern. Wir werden als blutrünstige Jäger dargestellt, wir sind auch Naturschützer.
Kommentar Werner Hupperich Das ist nun wirklich sinnentleertes Geschwätz, Frau Marten. Die mir bekannten, auch zur Pflege von Wasservögeln ausgestatteten Auffangstationen der Region (z.B. Torsten Kestners "Paasmühle") nehmen Vögel vollkommen unbürokratisch in Pflege. Kippflügel sind allerdings keine (Infektions-) Krankheit, sondern ein genetischer Defekt, der einzig zur Folge hat, dass die betreffende Gans nicht fliegen kann. Es gibt Züchter, die sich wegen des obsoleten kupierens auf den (inoffiziellen) Handel mit solchen "Kippflüglern" spezialisiert haben. Bei einem nunmehr auch auf Katzen und Hunde spezialisierten Duisburger Zoohändler  war in 2010 eine ganze Gruppe kippflügeliger Graugänse im Angebot.]
WAZ Wie das? Letztlich töten Sie Tiere.
Gisela Matten Das ist richtig, aber Tiere zu töten, das gehört auch zum Naturschutz. Im Wald nagt das Wild Bäume an, Tauben verkoten auf den Feldern Getreide. Wenn wir nicht mehr jagen, verbreiten sich Kaninchen mit ihren Krankheiten, mit dem Fuchs kommt der Fuchsbandwurm, Gewässer können durch den vielen Kot umkippen. Wäre ich eine Bäuerin, die ein Huhn schlachtet, würde mich keiner angreifen.
Kommentar Werner Hupperich "Tiere töten" gehört ausschließlich zu "Tiere töten" - und zu nichts anderem. Es gibt für alle erdenklichen Problemstellungen und Nutzungskonflikte im Zusammenhang mit wildlebenden Tieren nichtletale Management-Konzepte. Diese mögen zwar mitunter kostspieliger sein als tumbes Herumgeballere, aber im Gegensatz zu diesem immerhin ethisch vertretbar und im Einklang mit den Erfordernissen des Tier- und Artenschutzes.

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